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Péter Farkas: Acht Minuten, Luchterhand, 2011

"...die zu einem Klappentext zusammengefasste Inhaltsangabe des Buchs ist schiere Banalität, eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen. Und doch handelt der Text von nichts weniger als von Vergänglichkeit und Sterben, von der Gebrechlichkeit und Glückseligkeit der Kreatur, vom Zerfall des dabei jedes Geheimnisses verlustig gehenden Körpers, oder von seinem Aufgehen in einer das ganze Sein restlos ausfüllenden Glücksfülle, und natürlich von der Liebe, dem Bund, der die 35 Abschnitte des Textes zusammenhält. Konkret gesprochen: die Erzählung hat die letzten Tage zweier mit- und nebeneinander gealterten Menschen zum Gegenstand, von deren Vorleben kaum etwas bekannt ist und die eben die letzte Schwelle zur greisenhaften Verblödung überschreiten. Sie leben ihr Leben bereits nach ihren eigenen Gesetzen, jenseits messbarer Zeit- und Raumverhältnisse, im Begriff, die eigentümlichen und immer wieder einmaligen Augenblicke des Leids, der animalischen und menschlichen Befriedigung, des geistigen und körperlichen Verkehrs, des Auseinanderfallens von Leib und Seele, des Listenreichtums des sich von Minute zu Minute neu erschaffenden Lebens und schließlich Sterbens zu durchleben. Der Autor kommentiert nicht, interpretiert nicht und versucht sich auch nicht in Stellung zu bringen, um bedeutsame Aussagen zu verkünden, er erzählt lediglich in 35 langsam aufscheinenden und wieder verlöschenden Bildern, wie das Nichtsein immer mehr Besitz vom Sein ergreift. Diesen Prozess des Ausbreitens möchte der Text greifbar, erlebbar machen." (Péter Farkas)

Appendix

Über den nicht übernommenen Brief
(Luchterhand Verlag, Seiten 74-83)

Lieber Péter,

Dein Buch ist schön, stark und erschütternd, insbesondere, wenn es von einem Greis gelesen wird. Einerseits stellt es den Vorgang dar (stellt ihn sich vor), in dessen Verlauf die Zeit den Menschen entblößt, entstellt und einschrumpfen lässt, es enthüllt, wie wir unsere früheren guten und schlechten Attribute der Reihe nach verlieren. Anderseits zeigt es auf, dass im Zuge der Entblößung noch etwas sehr Schönes zum Vorschein kommen kann: die Liebe, die Solidarität - eigentlich bleiben nur diese beiden übrig, nun aber bestärkt in der Selbstlosigkeit.
Ich grüße und beglückwünsche Dich
R. P.

P.S. Eine einzige verständnislose kritische Anmerkung: Ich sehe die Funktion des eingefügten Briefes nicht.

Lieber P.!

Zu Deiner kritischen Anmerkung: Die Deutung des Briefes ist zweifellos nicht einfach. Er bricht absichtlich Stil und Struktur, und wenn er als Fremdkörper wirkt, macht das gar nichts. Das ist er nämlich. Zugleich habe ich ihm eine zentrale Rolle zugedacht, darum erscheint er auch ungefähr in der Mitte des Textes. Offensichtlich ist es befremdend, dass das Erscheinen des Briefes von gar nichts vorbereitet wird, der einzige Verweis erscheint acht Abschnitte später. Vielleicht erinnerst Du Dich, dass im Abschnitt, der mit "Der alte Mann öffnete die Wohnungstür nie" beginnt (Seite 103), ein Fremder erscheint, sagen wir, ein Postbote, und er überreicht dem alten Mann einen Brief. Der alte Mann nimmt ihn und gibt ihn wieder zurück, er sagt: "K. wohnt hier nicht mehr". Der eingefügte Brief gibt den Inhalt jenes abgewiesenen Briefes wieder. Das ist der einzige Teil, aus dem auch im Zusammenhang etwas über den alten Mann zu erfahren ist, geht es doch um ihn, um den Mann, der "hier nicht mehr wohnt", der ein Fremdkörper ist, wie der Brief selbst im Ganzen des Textes. Der Satz "K. wohnt hier nicht mehr" verweist auf die Legende des Albertus Magnus. Er hielt in einem seiner letzten Lebensjahre, wie gewöhnlich, einen Vortrag an der Hochschule der Dominikaner in Köln, als er auf einmal verstummte, er hatte offensichtlich den Faden gänzlich verloren. Nach einigen Sekunden nahm er sich zusammen und sagte: "Nun weiß ich, dass ich bald sterben muss. Die Gottesmutter hat mich einst wissen lassen, ich würde drei Jahre vorher alles Wissen verlieren und wieder sein wie ein Kind. Es ist soweit, lebt wohl!" Er verließ den Lehrsaal und schloss sich in seiner Zelle ein. Der Erzbischof kam und klopfte an die Tür. "Albertus ist nicht mehr da", antwortete schwach eine Stimme. Wie auch der im Brief erscheinende Alte nicht mehr da war... Im Text finden sich übrigens mehrere kleine Hinweise auf das eine oder andere Motiv des Briefes, jedoch bedarf es tatsächlich der Beharrlichkeit eines Entomologen, diese aufzufinden. Um die Deutungsmöglichkeiten des Briefes weiter zu verwickeln: Die Person des Briefschreibers scheint sich für einen Augenblick mit der des alten Mannes zu decken, als er über das Schicksal seiner Frau schreibt (Seite 82): "Ich trocknete aus, weil ich endgültig allein geblieben war. Meine Frau, die Ihre Ratschläge und Ihre Natur immer so hoch eingeschätzt hatte, ist mir schon vor Jahren vorausgegangen, sie wurde noch lebendig zu Staub, wie eine Figur aus Sand..." Fast vierzig Seiten weiter (Seite 116) lesen wir über die alte Frau: "... das Leben der alten Frau habe aufgehört, weil sie keine für sie zusammenhängend vorstellbare und erzählbare Geschichte mehr hatte. Das 'Ich', das einstens klar einzuordnen war und erkennbare Rollen vertrat, war einfach zerbrochen, zerfallen, wie eine Skulptur aus Sand..." Lassen wir es dabei bewenden, ich will Dich nicht weiter ermüden. Du kannst auf alles das freilich sagen, es sei nicht unbedingt Aufgabe des Autors, dem Leser Rätsel aufzugeben, deren Lösung unter Umständen den gleichen Umfang besitzt wie das Werk selbst. Es lag nicht in meiner Absicht, Hausaufgaben aufzugeben, jedoch weist der Text zweifellos eine Schicht auf, die sich nicht mühelos erschließt. Ich kann nicht umhin, dieses Risiko auf mich zu nehmen. Gruß: Péter

Aus dem Ungarischen von György Buda

- cv (de / en)
- Margrit Irgang: Die Buchkritik - Péter Farkas: "Acht Minuten"
in: SWR2
- Geschichten über das Altern
Christine Tresch und Hans-Ulrich Probst diskutieren mit Franziska
Hirsbrunner in "Literatur im Gespräch", DRS 2 / Schweizer Radio
- Gertrud Lehnert: Ein Leben, das ohne Welt auskommt
in: Deutschlandradio Kultur
- Franz Haas: Stilles Verlöschen, in: Neue Zürcher Zeitung, 26. Januar 2012
- Kolja Mensing: Demenz als Sabotage, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2012, Nr. 34
- in göttingen-Chefredakteur Robin Kreide spricht mit Péter Farkas über das Buch.
- Xenia Buchwald: Todesübungen, in: Litlog, Göttinger eMagazin für Literatur – Kultur – Wissenschaft.
- Michael Saager: Kampf um Würde, in: taz, 10.01.2013
- Gudrun Brzoska: Péter Farkas – Acht Minuten, in: Ehringer Bibliothek (www.ungarische-literatur.eu)
0 Thomas Linden: Was vom Leben übrig bleibt, in: Kölnische Rundschau, 30.12.2011
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+ Die ungekürzte Fassung (Übersetzt von Terézia Mora) des für das 13. Internationale Literaturfestival Berlin geschriebe Essays von P. F. über das Alter. (Die gekürzte Fassung ist in der Berliner Zeitung erschienen.)
+ Über das Schreiben ("Jazz is not dead")

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